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Ulrich Abelein beim Ironman Frankfurt – der Rennbericht

Strandbad Langener Waldsee, 7.7.2013, 6:40 Uhr. Für die verdammt frühe Zeit sind verdammt viele Menschen hier. 2.600 davon werden schwimmen, über 10.000 zusehen und anfeuern. Es ist Triathlon in Frankfurt. Ironman!

Gedanken vor dem Start in meinen ersten Ironman

Ich steh mittendrin, etwas unwirklich, am Start meiner ersten Langdistanz. Die Profis warten auf Ihren Startschuss, ich bin mit dem Hauptfeld um 7:00 Uhr dran. 2.250 Schwimmer in einer Welle. Na Mahlzeit. Ich bin froh, wenn ich die 3,8 km gut hinter mich bringe, 1:30 ist mein Ziel. Raushalten aus den Start- und Bojenschlägereien, und dann einfach durchziehen. „Du machst das!“, hat er gesagt, der Gehard. Wird er schon wissen, ist lang genug dabei, hat mich 8 Monate trainiert und mir Kraulschwimmen beigebracht.

Die Schwimmstrecke in 1,30 ist mein Ziel

6:45 Uhr, die Profis starten. Hammer! Gänsehaut. Ich schau den Profis noch ein paar Minuten nach, bevor ich selber ins Wasser geh. Ein paar Minuten
einschwimmen, mehr für die Nerven als für Muskeln. Mike Reilly sagt noch drei Minuten bis zum Start an. Und dann geht’s los….

Obwohl ich mich ziemlich weit außen und ziemlich weit hinten einsortiert habe, beginnt das Wasser zu kochen. Ein-, zweihundert Meter brauch ich,
um einen Rythmus zu finden, mich einzusortieren. Zwei Runden sind im Langener Waldsee zu schwimmen, eine lange mit 2,1 km und eine kurze mit
1,7 km. Unter 49 Minuten müsst ich meinen Landgang haben für die 1:30, so der Plan. Der erste Kilometer fühlt sich gut an, auch die Orientierung
funktioniert gut, die Abstände zwischen den Bojen sind kurz, die Pontons, die die Wende markieren riesig und gut zu sehen. Beim Landgang sagt
die Uhr dann 50:57… Verdammt, das muss schneller gehen auf der zweiten Runde! Tut es auch. Die Rythmusunterbrechung tut mir nicht schlecht, im
Gegenteil. Obwohl die Arme schon etwas schwer sind, komm ich gut in Tritt, finde eine Gruppe mit einem für mich ordentlich machbaren Tempo.
Nach 1:29:49 steig ich aus dem Wasser. YES! So kanns weiter gehen.

Raus aus dem Wasser, rauf aufs Rad

Wie die Profis diesen ersten Wechseln in gut zwei Minuten machen, ist mir schleierhaft. Vom Aussstieg geht es steil 200 m den Hang hinauf. Ich brauch für dieses Stück allein fast so lange! Egal. Beutel gegriffen, ab ins Zelt, Neo aus, raus ans Rad. Schlecht zu schwimmen hat Vorteile, viel Platz in der Wechselzone zum Beispiel…

Raus geht’s auf die Radstrecke! 12 km Anfahrt in die City und dann zwei Runden bis rauf nach Friedberg liegen vor mir. Als ich am Main auf die erste Runde abbiege sehe ich meine Familie. Am See waren sie nicht dabei, weil die Rückfahrt über die gesperrten Straßen ein unverhältnismäßiger Aufwand ist, dass sie jetzt da sind, tut gut.

Die Highlights der Radstrecke des Ironman Frankfurt

Über die Hanauer Landstraße geht`s raus ins Umland. Was für ein bescheidener Asphalt! Das erste Highlight für mich ist „The Hell“, der Kopfsteinpflasteranstieg in Maintal! Viele Menschen, tolle Stimmung, zum Glück nicht allzu lang, denn das Pflaster schüttelt einen ordentlich durch. Gleich danach folgt mit dem Hühnerberg der längste Anstieg der Radstrecke, aber absolut machbar und oben gibt`s eine tolle Aussicht bevor es
auf die Abfahrt und dann auf ein langes Flachstück geht. Meine Beine laufen gut, der Puls pendelt um die 145 und ich komme schön regelmäßig zum Essen und Trinken. Das soll heute noch wichtig werden.

Kurz vor Frankfurt folgt nochmal ein Highlight mit dem „Heartbreak Hill“ und der Power Bar Partyzone in Bad Vilbel. Nachdem ich mich von den Zuschauern hochtragen hab lassen erfolgt die schnelle Abfahrt hinein nach Frankfurt. Kurz vor der Durchfahrt zur zweiten Runde überholt mich
das Führungsfahrzeug mit der Uhr auf dem Dach. Nicht überrundet werden, das hab ich mir vorgenommen…. Ich geb Gas, und als ich bei der tollen
Kulisse vor dem Römer vorbeikomme, habe ich noch keinen der Profis gesehen. Zweites Etappenziel erreicht. Meine Familie muss hier sein, ich
höre meine Frau rufen, bin zu schnell vorbei um sie zu sehen, aber das gute Gefühl ist wieder da. Nach 96 km und 3:07 auf dem Rad gehts auf die
zweite Runde, alles im Plan!

Es wird warm, das Thermometer klettert jetzt gegen Mittag Richtung 30 Grad und die zweite Radrunde wird zäh. Ich halte mich strikt an meinen
Ernährungsplan, Riegel wollen nicht gehen, also bleib ich bei Gel und Iso. Die Berge kommen mir auf der zweiten Runde länger vor, die Zuschauer sind deutlich weniger geworden, die Beine schwerer. Ich muss ein wenig Gas rausnehmen, aber auf einer Stufe kleiner kann ich`s wieder laufen lassen. Bikesplit 6:01:54, ich steig vom Rad und verbuch das für mich als gefühlte 6 Stunden, drittes Teilziel erreicht!

Profi-Feeling beim Ironman Frankfurt

Ironman Frankfurt 2013Helfer nehmen mir das Rad ab, man fühlt sich ein wenig wie einer der Profis. Vorbei am Spalier der Beutel, meinen gegriffen, rein ins Zelt. Schuhe an, Helm ab, Visor auf, raus auf die Laufstrecke. Zum dritten mal heute laufe ich direkt auf meine Familie zu, sie stehen am Eingang der Laufstrecke, gutes Gefühl, inzwischen bekannt, gibt Sicherheit. Nur noch ein Marathon, dann ist es durch! Laufen ist meins, das wär jetzt gelacht.

Zum Abschluß noch ein Marathon

Meine Beine fühlen sich gut an, ich geh’s straff an, in meinem Hinterkopf sitzt der fiese Gedanke von einem 4-Stunden-Marathon. Aber es ist brutal heiß geworden. Über 30 Grad. Mein Horizont ist 1,5 km lang, das ist der Abstand zweier Verpflegungsstellen. 4 Runden sind zu laufen in Frankfurts City, jede 10,5 km und dann 195 Meter hinauf zum Römer. Am Abzweig dahin komm ich das erste mal nach gut einer Stunde vorbei. Das wäre auf „Kurs 4h“, aber das fühlt sich auch so an, als würd das keine dreimal mehr so gehen! Jetzt nix verbocken. Scheiß auf die Zeit… Ich nehme Gas raus und jede Verpflegung intensiv mit. Mein Tempo pendelt sich dadurch bei einer 6:20er Pace ein, aber die Schmerzen in den Beinen werden nicht mehr, im Gegenteil. Auf den ersten Kilometern von Runde 2 überleg ich, ob ich doch wieder anziehen soll, aber zum Halbmarathon bestätigt sich mein Entschluss.

Ironman FrankfurtDie Beine werden schwer, die Muskeln beginnen zu schmerzen und ich bin froh, noch ein paar Körner zu haben. Auf der dritten Runde treff ich meine Familie wieder, fühle mich langsam wie mit eigenem Fanclub, ein gutes Gefühl, es trägt einen weiter, wenn die Beine das grad nicht wollen. Einen aufkeimenden Hungerast bei km 25 ertränke ich in Gel und Iso und als ich mein drittes Band an der Rundenzählung bei km 28 bekommen ist der Zucker im Blut angekommen, es geht mir wieder gut. Die letzte Runde läuft wie von selbst. Die Beine sind brutal schwer geworden, aber die Schmerzen fast weg. Es geht nur einfach nicht schneller, muss es aber auch nicht. Meine Uhr verrät, dass ich nicht unter 12 Stunden sein werde, aber auch nicht viel drüber. Ich würde fast sagen, ich genieße die letzten 10 km. Verabschiede mich von einigen Helfern, bei denen ich an Ihrer Verpflegung die letzten vier Stunden „Stammkunde“ war und bei den freundlichen Damen der Rundenzählung, als ich mein viertes Band bekommen habe.

Das Gefühl, auf den Römer einzubiegen, ist unbeschreiblich. Der Zielkanal ist eng, man kann fast die Zuschauer auf beiden Seiten berühren. Zum letzten Mal seh ich meine Familie an der Strecke, 130 Meter vor der Finishline in der ersten Reihe hinter der Absperrung. Wie sie nur diese Plätze immer bekommen….. In dem Moment bin ich unendlich froh, dass sie da sind. Ich winke, bieg ein auf den Roten Teppich.

Das einmalige, unbeschreibliche Gefühl: „I’m an Ironman!“

Was für ein Gefühl! Die letzten Meter über den Roten Teppich sind unbeschreiblich. Nach 12 Stunden 7 Minuten und 50 Sekunden lauf ich ins
Ziel. „You are an Ironman!“ höre ich ganz entfernt, wie durch Watte in den Ohren. Ich genieße den Moment. Schlagartig wird mir klar, warum wir das tun. Genau für diesen Moment, für den Moment, wenn aus Athleten Finisher werden. Eine Sekunde später ist es vorbei, Du bist wieder Athlet, aber dieser Moment war es wert! „Du machst das!“, hat er gesagt, der Gehard. Recht hat er gehabt.
Danke!

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1 Kommentar

  1. Sascha Linder sagt:

    Sehr sehr schöner Bericht, der motiviert das elendige Training weiter durch zuziehen!!

    Respekt!

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